Mark Twain und die Tücken des Deutschen

„Es gibt zehn Wortarten, und alle zehn machen Ärger“, schreibt Mark Twain 1880 über die deutsche Sprache. Was soll man sagen, da hat er leider Recht! Twains satirischer Essay „The Awful German Language“ – „Die schreckliche deutsche Sprache“ spricht vielen Deutschlernenden wohl aus dem Herzen. Wer sich selbst gerade mit der deutschen Adjektivdeklination oder der Verbstellung herumschlägt, wird beim Lesen laut lachen – und immer wieder ausrufen: Ja, ja, genauso ist es!

Mark Twain will mit seiner Familie 1877 nach Europa reisen und dabei auch Deutschland und die Schweiz besuchen. Mit dem deutschen Kindermädchen büffelt die Familie vorher der-die-das. Während seine Frau und seine Tochter schnell Fortschritte machen, tut sich Mark Twain schwer. Nach der Reise kommt er zu dem Schluss: „Es gibt ganz gewiss keine andere Sprache, die so unordentlich und systemlos daherkommt und dermaßen jedem Zugriff entschlüpft.“ In seiner satirischen Abrechnung bekommt so ziemlich jedes grammatische Phänomen des Deutschen sein Fett weg:

Trennbare Verben

Kann man sich etwas Verwirrenderes vorstellen? Diese Dinger heißen „trennbare Verben“. Die deutsche Grammatik ist geradezu übersät mit trennbaren Verben, und je weiter die beiden Teile auseinander gerissen werden, desto zufriedener ist der Urheber des Verbrechens mit seiner Leistung.

Grammatisches Geschlecht von Substantiven

Jedes Substantiv hat sein grammatisches Geschlecht, und die Verteilung ist ohne Sinn und Methode. […] Im Deutschen hat ein Fräulein kein Geschlecht, eine Rübe dagegen schon. Welch eine übermäßige Hochachtung vor der Rübe und welch eine kaltherzige Missachtung des Mädchens verrät sich hier! 

Der deutsche Hang zur Exaktheit

Zur Änderung des Geschlechts fügt er [der Deutsche] ein „-in“ an und bezeichnet die weibliche Einwohnerin desselben Landes als „Engländerin“. Damit scheint sie ausreichend beschrieben, aber für einen Deutschen ist das noch nicht exakt genug, also stellt er dem Wort den Artikel voran, der anzeigt, dass das nun folgende Geschöpf weiblich ist, und schreibt: „die Engländerin“ (was soviel heißt wie „the she-Englishwoman“). Meiner Ansicht nach ist diese Person überbezeichnet.

Umzüge der Substantiv-Monster

Manche deutschen Wörter sind so lang, dass man sie nur aus der Ferne ganz sehen kann. Man betrachte die folgenden Beispiele:

  • „Freundschaftsbezeigungen“
  • „Dilettantenaufdringlichkeiten“
  • „Stadtverordnetenversammlungen“

Dies sind keine Wörter, es sind Umzüge sämtlicher Buchstaben des Alphabets. […] Wo man auch immer eine deutsche Zeitung aufschlägt, kann man sie majestätisch über die Seite marschieren sehen – und wer die nötige Phantasie besitzt, sieht auch die Fahnen und hört die Musik.

Nicht nur Mark Twain plagt sich ab 

Ich hörte neulich von einem bis zur Erschöpfung geplagten amerikanischen Studenten, der sich zu seiner Erleichterung in ein gewisses deutsches Wort flüchtete, wenn Ärger und Verdruss ihn zu überwältigen drohten – in das einzige Wort der ganzen Sprache, das lieblich und kostbar in seinen Ohren klang und seinem zerrissenen Gemüt Heilung gewährte. Dies war das Wort „damit“. Aber es war nur der Klang, der ihm half, nicht die Bedeutung, und als er schließlich erfuhr, dass der Ton nicht auf der ersten Silbe lag, war sein einziger Halt dahin, und er verfiel immer mehr und starb.

Sein Fazit: Für Mark Twain steht fest – die deutsche Sprache ist „reformbedürftig“. Er macht viele Verbesserungsvorschläge, um sie zu „reparieren“. Er würde etwa den Dativ abschaffen, die Verbklammer auflösen, die Geschlechterzugehörigkeit neu regeln „und die Verteilung gemäß dem Willen des Schöpfers“ vornehmen. Von dem deutschen Sprecher wünscht er sich, „dass er aufhört, wenn er fertig ist, und nicht noch eine Kette dieser nutzlosen „haben sind gewesen gehabt haben geworden sein“ hinten an den Satz anhängt. Solcher Tand schmückt das Gesagte nicht, sondern raubt ihm seine Würde“.

Mein Fazit: Sehr amüsantes Essay, das den Blick auf die eigene Muttersprache neu schärft. Für jeden DaF-Lehrenden unbedingt lesenswert!

Zitate aus: http://www.viaggio-in-germania.de/twain-schreckliche-dt-sprache.pdf